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Myofasziales System - Was ist das "myofasziale System"?

Myofasziales System - Was ist das "myofasziale System"?

Das tote Stützmaterial ist doch nicht so tot, wie bisher angenommen wurde

"Myofasziales System" - was ist das und welche Ursachen spielt es bei Rückenbeschwerden?

Alleine in Deutschland leiden über zwei Drittel der Menschen an Rückenschmerzen. Der größte Teil der Betroffenen weiß jedoch nicht, woher die Beschwerden kommen - eine Ursache ist nicht bekannt. Weder Röntgenaufnahmen noch MRT-Aufnahmen zeigen eine Ursache für die Beschwerden und häufig wissen auch die behandelnden Ärzte nicht, wie die Beschwerden ausgelöst werden.

Ein möglicher Täter wurde lange Zeit nur als totes Stützmaterial angesehen. Doch aufgrund aktueller Forschungsergebnisse wird immer klarer, dass genau dieses tot-gemeinte Stützmaterial - auch als myofasziales System bezeichnet - eine große Rolle spielt, wenn es darum geht, die Ursache für eine Vielzahl an Rückenbeschwerden zu finden.

Betrachtet man ein rohes, saftiges Steak, dann sticht einem sofort die weiß-milchige Haut, welche das Fleisch noch zusätzlich umhüllt, ins Auge. Dieses Häutchen ist lediglich ein kleiner Teil des komplexen Systems, das all unsere Organe, Muskeln und sogar unseren Körper als Ganzes wie einen Neoprenanzug (=oberflächliche Faszie) umhüllt. Diese Häutchen trennen die einzelnen Organe und Gewebe gegeneinander ab, unterstützen die jeweiligen Organfunktionen und verteilen Kräfte über den gesamten Bewegungsapparat.

Geht es um die Faszien des Bewegungsapparates wird meist von Myofaszien oder dem myofaszialen System gesprochen. 

Myofasziales System - welche Gewebe sind das genau?

Zum myofaszialen System zählen unter anderem:

  • Muskelhüllen (auch Muskelfaszien genannt)
  • Sehnen
  • Bänder
  • Kapsel
  • Bindegewebsplatten (auch Aponeurosen genannt)

Und genau diese myofascialen Strukturen können für eine Vielzahl an Beschwerden am Bewegungsapparat verantwortlich sein und  vielen Menschen den Alltag zur Hölle machen.  
Mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Überbegriff für Beschwerden der Faszien - "das myofasziale Schmerzsyndrom".

Gelenk- und Organkapseln, Sehnenplatten, Sehnen, Bänder und Co. - sie alle bestehen aus kollagenem und faserigem Bindegewebe - und zählen zum Überbegriff "Faszien"

Das myofasziale Schmerzsyndrom ist ein Krankheitsbild, das den kompletten Bewegungsapparat betreffen kann. Meist sind Bewegungseinschränkungen und lokale Muskel- oder Gelenkbeschwerden die Folge faszialer Verklebungen und Dauerspannungen des myofaszialen Systems.

Hypertone und hypotone Muskulatur

Muskeln, die permanent angespannt sind, werden als hypertone Muskulatur bezeichnet - solche, die einen dauerhaften niedrigen Muskeltonus aufweisen, als hypotone Muskulatur.

Ein dauerhaft erhöhter Muskeltonus, also eine zu hohe Spannung der Muskeln (hypertone Muskulatur), kann unter anderem durch sogenannte Triggerpunkte ausgelöst werden. Triggerpunkte sind überempfindliche Stellen im betroffenen Muskel, die bei Belastung charakteristische Beschwerden im Muskel und in ausstrahlende Areale auslösen.

Aufgrund von akuten oder chronischen Überlastungen entsteht eine Minderdurchblutung und Energiekrise im betroffenen Muskel. Durch den Mangel an Energie kann der Muskel seine normale Funktion nicht mehr aufrechterhalten - die Anspannung kann nicht mehr komplett gelöst werden. 

In den betroffenen Muskelfasern kommt es zu einer Dauerspannung - die die Durchblutung weiter vermindert und die Energiekrise immer weiter steigert!

Der Muskel verliert dadurch sowohl seine Kraft- als auch seine Dehnfähigkeit. 
Durch die Dauerspannung kommen zusätzliche Beschwerden im Muskel und den umliegenden Gelenken dazu.
Wird der Muskel jetzt auf Dehnung gebracht oder angespannt werden die charakteristischen Beschwerden getriggert - genauso werden diese Beschwerden auch durch manuelle Reizung des betroffenen Muskelareals ausgelöst.

Durch die verminderte Kraft- und Dehnfähigkeit, aber auch durch die Beschwerden im Muskel unter Belastung wird der Betroffene bewusst Bewegung in dem Körperbereich verhindern. Das führt zu einer weiteren Absenkung der Durchblutung - die Energiekrise kann nicht gelöst werden. 

Je länger der betroffene Muskel und das betroffene Körperareal nicht bewegt wird - desto stärker verkleben die Faszien und desto unbeweglicher wird das Gewebe.

Die Verklebung der Faszien

Sowohl Blut- als auch Lymphgefäße führen durch das Fasziengewebe. Anders als das Blutsystem ist das Lymphsystem auf ausreichende Muskelbewegungen angewiesen, um Flüssigkeit aus dem Gewebe aufzunehmen und wieder in das venöse System zu transportieren.

Die Lymphflüssigkeit ist vor allem für die korrekte Nährstoffzufuhr der einzelnen Zellen und für den Abtransport schädlicher Stoffwechselprodukte zuständig. Aber noch ein zweiter wichtiger Stoff zirkuliert im Lymphsystem: das Fibrinogen. 

Beim Fibrinogen handelt es sich um einen Blutgerinnungsfaktor, der meist gelöst in der Lymphe vorliegt. Kommt es zu einer Daueranspannung der Muskulatur, wird die Zirkulation der Lymphflüssigkeit eingeschränkt. 

Ohne Muskelbewegung - also dynamische Anspannung der Muskulatur - kann die Lymphflüssigkeit nicht mehr richtig aufgenommen und abtransportiert werden.

Die Folge ist ein Lymphstau, der dazu führt, dass sich überschüssiges Fibrinogen im Gewebe ansammelt und dort mithilfe anderer Substanzen zu Fibrin umgebaut wird.

Das Fibrin wirkt als körpereigener Klebstoff und wird normalerweise vom Körper freigesetzt, um Wunden zu verschließen und den Blutverlust zu stoppen. Dadurch kommt es auch zu einer Verklebung der faszialen Strukturen im Bereich der Wunde. Diese Kollateralschäden sind bei akuten Verletzungen besser, als die Wunde offenzulassen und die Blutung nicht zu stoppen! 

Tritt ein Lymphstau durch Bewegungsmangel und erhöhten Muskeltonus vor, treten diese Verklebung der Faszien auf - ohne das eine Wunde vorliegt und die Verklebung einen Sinn hat. Die Folge sind weitere Bewegungseinschränkungen und eine erhöhte Spannung der umliegenden Faszien. Daraus kann sich ein Teufelskreis aus immer mehr Spannung und immer mehr Verklebungen bilden. 

Erhöhte Spannung der Muskulatur führt zu einem Lymphystau - führt zu Verklebungen der Faszien - führt zu mehr Spannung und weniger Beweglichkeit in den Faszien und der Muskulatur - führt zu mehr Lymphstau - usw. 

Langfristig führen diese Bewegungseinschränkungen zu einem Umbau der Faszien. Die Faszien verlieren ihre Elastizität und verhärten bzw. verfilzen immer mehr. Sind Faszien lange in der Beweglichkeit eingeschränkt oder werden durch Bewegungsmangel kaum bewegt, werden immer mehr Elastinfasern (die elastischen Fasern der Faszien) durch Kollagenfasern (die stabilen starren Fasern der Faszie) ersetzt. Während die gesunde Faszie eine Kombination aus beiden Fasertypen enthält, um sowohl eine gewisse Elastizität als auch eine gewisse Stabilität zu gewährleisten, werden unbewegte Faszien immer derber und unbeweglicher.

Elastin verleiht Faszien Elastizität - Kollagen verleiht Faszien Stabilität. Bewegungsmangel und Bewegungseinschränkungen verschieben die Zusammensetzung der Faszien in Richtung Kollagen.

Sowohl Verklebungen als auch Verhärtungen des Fasziengewebes kann sich langfristig negativ auf den Körper auswirken - sowohl unspezifische Beschwerden wie auch degenerative Erkrankungen, zum Beispiel Arthrose, können die Folge sein.

Therapie und Training - die Lösung der Beschwerden?

Neben Verspannungen und Bewegungsmangel kann auch zuviel belastende Bewegung sich negativ auf das myofasziale System auswirken. Zu viel und zu intensives Training sorgt dafür, dass sich weder Muskeln noch Faszien voll regenerieren können. 

Die Folgen dieser Überlastungen können dabei mannigfaltige Ausprägung haben:

  • die Belastbarkeit von Muskel und Faszien nehmen ab - Verletzungen und Beschwerden werden häufiger
  • die Flüssigkeit innerhalb der Faszien nimmt ab - weniger Flüssigkeit bedeutet eine schlechtere Gleitfähigkeit der Faszien-Schichten - die Beweglichkeit nimmt ab
  • schlechtere Beweglichkeit wirkt sich negativ auf die Beschaffenheit der Faszien aus - weniger Beweglichkeit sorgt für einen Lymphstau - der Lymphstau löst Verklebungen der Faszien aus - Verklebungen der Faszien verschlechtern die Beweglichkeit - langfristig wird Elastin abgebaut und Kollagen aufgebaut - ein Teufelskreis der Unbeweglichkeit entsteht
  • Faszien sind ein wichtiges Informationsorgan für Bewegung und Haltung - je schlechter die Beweglichkeit, desto weniger Information über Bewegung und Haltung - die Folge wird sensorische Amnesie genannt. Die Betroffenen bekommen "schwarze Flecken" auf ihrem Körper-GPS

Gezielte Behandlung und gezieltes Training können diesen Teufelskreis auflösen und die Beschwerden wieder umkehren.

Allgemein wirkt sich ein gesunder und aktiver Lebensstil positiv auf den Körper und damit auch auf die Faszien und den Bewegungsapparat. Dazu zählen täglich mindestens 30 Minuten Bewegung - wie schon die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt. Zusätzlich sollte 1-2 mal pro Woche intensiver bewegt werden - Krafttraining oder andere intensive Sporteinheiten. 

Liegen bereits Beschwerden vor, reicht diese Empfehlung meist nicht mehr aus. Die Betroffenen benötigen gezielte Therapie, zum Beispiel Physio - Therapie, und gezieltes Training.

Die Therapie besteht aus manuellen Behandlungstechniken wie spezielle Massage-Techniken für Triggerpunkte und zur Faszienmobilisation. Dazu gehören "Faszien Integration", Osteopathie und andere myofasziale Behandlungstechniken. Zusätzlich kann hier auch mit Kinesiology Taping und Faszien - Taping, Flossing und Akupunktur gearbeitet werden. Um die Entspannung zu fördern, kann zusätzlich mit Wärmetherapie, wie Naturfango und Rotlicht, behandelt werden.

Myofasziales System behandeln? Flossing kann ergänzend zur Faszientherapie sowohl zur Linderung der Beschwerden als auch zur Mobilisierung eingesetzt werden.

Das Training besteht meist aus Übungen mit der Faszienrolle und spezielle Mobilisations- und Kräftigungsübungen für das myofasziale System. Gelegentlich wird dieses Training auch als Fasziale Fitness und Fascial Movement bezeichnet. Dabei bekommt der Betroffene vom Therapeut die Übungen angeleitet, um sie selbstständig zu Hause und im Alltag anwenden zu können.

Fazit

Rückenschmerzen und myofasziale Beschwerden sind bereits zu einem richtigen Volksleiden herangewachsen. Oftmals werden die Beschwerden verkannt und die Ursache nicht bei den Faszien vermutet. Durch neue Forschungsergebnisse ist mittlerweile klar, dass Faszien eine entscheidende Rolle bei Beschwerden des Bewegungsapparates spielen. 

Neben präventiven Maßnahmen, wie ausreichend Bewegung und ein allgemein gesunder Lebensstil können Betroffene die Schmerzen und Beschwerden durch gezielte Behandlung und gezieltes Faszientraining die Beschwerden endlich in den Griff bekommen.


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